Reichen 1.500 Euro Pension zum Leben – oder erst 2.000 Euro? Wo beginnt finanzielle Sicherheit, und wo endet gesellschaftliche Teilhabe? Solche Fragen prägen die politische Diskussion. Eine objektive Antwort darauf ist schwieriger als es auf den ersten Blick scheint.
Was Referenzbudgets leisten
Genau hier setzen Referenzbudgets an: Sie fragen nicht danach, wie viel Menschen tatsächlich verdienen, sondern welche finanziellen Mittel notwendig sind, um ein selbstbestimmtes und würdevolles Leben führen zu können.
Referenzbudgets sind wissenschaftlich erarbeitete Ausgabenmodelle. Sie zeigen, mit welchen Kosten unterschiedliche Haushaltstypen rechnen müssen, wenn ein angemessener Lebensstandard möglich sein soll. Dabei geht es ausdrücklich nicht um Luxus, sondern um gesellschaftliche und kulturelle Teilhabe.
Berücksichtigt werden Ausgaben für Wohnen, Energie, Ernährung, Kleidung und Gesundheit. Ebenso wichtig sind Mobilität, Kommunikation, Bildung, notwendige Haushaltsgeräte sowie soziale Kontakte und kulturelle Teilhabe. Denn ein menschenwürdiges Leben umfasst mehr als die bloße Deckung der Grundbedürfnisse.
Der Unterschied zu EU-SILC
Gerade darin unterscheiden sich Referenzbudgets grundlegend von den bekannten Armutsgefährdungsschwellen nach EU-SILC:
EU-SILC fragt: „Wie viel haben die Menschen?“
Referenzbudgets fragen: „Was brauchen die Menschen?“
Orientierung für Sozialpolitik
Deshalb sind Referenzbudgets weit mehr als eine wissenschaftliche Studie. Sie sind ein Werkzeug für evidenzbasierte Sozialpolitik und schaffen eine nachvollziehbare Grundlage für Entscheidungen. Wer über Pensionen, Sozialleistungen, Mindestlöhne oder Unterstützungsleistungen diskutiert, muss wissen, welcher tatsächliche finanzielle Bedarf besteht. Erst dann lässt sich seriös beurteilen, ob soziale Leistungen ausreichend sind.
Damit Referenzbudgets diese Funktion erfüllen können, müssen sie regelmäßig überprüft und an die tatsächlichen Lebensverhältnisse angepasst werden. Nur so bleiben sie ein verlässlicher Orientierungsmaßstab.
Besondere Bedeutung für ältere Menschen
Für ältere Menschen ist diese Betrachtungsweise besonders wichtig. Pensionistinnen und Pensionisten haben häufig andere Lebensumstände und Konsumgewohnheiten als Menschen im Erwerbsalter. Gesundheitsausgaben, Mobilität, Wohnen und soziale Teilhabe gewinnen mit zunehmendem Alter oft eine andere Bedeutung.
Durchschnittswerte reichen daher nicht aus, um den tatsächlichen Lebensbedarf älterer Menschen abzubilden. Speziell entwickelte Referenzbudgets für Pensionist:innenhaushalte schließen diese Lücke und ermöglichen erstmals eine realitätsnahe Betrachtung ihrer Lebenssituation.
Engagement des ZVPÖ
Der ZVPÖ setzt sich seit Jahren dafür ein, diese Lücke zu schließen. Gemeinsam mit den ASB Schuldnerberatungen, der Dachorganisation der staatlich anerkannten Schuldenberatungen Österreichs, wurde bereits 2021 ein Projekt zur Entwicklung von Referenzbudgets für Pensionist:innenhaushalte vorbereitet. (siehe Beiträge vom 18.04.2023 und 01.06.2024)
Wir begrüßen daher, dass dieses Vorhaben nun mit Unterstützung des Sozialministeriums umgesetzt wird und Mitglieder unseres Verbandes ihre Erfahrungen in die Fokusgruppen einbringen können.
Mehr als Existenzsicherung
Wer ausschließlich das Existenzminimum betrachtet, greift zu kurz. Ein würdevolles Leben bedeutet auch, soziale Kontakte pflegen, am kulturellen Leben teilnehmen und digitale Angebote nutzen zu können. Einsamkeit und soziale Ausgrenzung entstehen nicht nur durch fehlende Lebensmittel, sondern auch dann, wenn Menschen sich viele selbstverständliche Dinge des Alltags nicht mehr leisten können.
Referenzbudgets machen diesen tatsächlichen Lebensbedarf sichtbar.
Fazit: Verlässliche Maßstäbe für einen gerechten Sozialstaat
Ein gerechter Sozialstaat braucht mehr als gute Absichten. Er braucht verlässliche Maßstäbe. Referenzbudgets schaffen genau diese Orientierung: Sie helfen dabei, soziale Leistungen nicht nur finanzierbar, sondern auch bedarfsgerecht zu gestalten.
Damit definieren sie einen sozialen Mindeststandard für ein selbstbestimmtes Leben. Ein Sozialstaat wird letztlich nicht daran gemessen, wie viel Geld er ausgibt, sondern daran, ob seine Leistungen den Menschen ein Leben in Würde ermöglichen. Referenzbudgets liefern dafür eine nachvollziehbare und wissenschaftlich fundierte Grundlage.
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