Willkommen bei ZVPÖ Donnerstag, 12. Dezember 2019 @ 05:21

Ärztemangel - der Mangel besteht im System

Die österreichische Bevölkerung wächst kontinuierlich; so auch die Gesamtzahl der in Österreich tätigen Ärzte und ÄrztInnen. Die Bevölkerung ist seit 1965 um 22 Prozent, die Anzahl aller ÄrztInnen seit 1965 um 311 Prozent angestiegen. Diese absoluten Zahlen belegen eine doch deutlich ansteigende ärztliche Versorgungsdichte in den letzten 55 Jahren in allen Bereichen.

Wenn nun die Gesamtzahl aller ÄrztInnen betrachtet wird, deuten auch die Zahlen seit 2010 auf eine insgesamt ansteigende Versorgungsdichte hin. Ebenso gilt das für die Gesamtzahl aller niedergelassenen ÄrztInnen inklusive der FachärztInnen. Die Zuwächse seit 2010 liegen im niedergelassenen Bereich durchwegs über denen der Bevölkerungsentwicklung. Dennoch fallen hier doch schon deutliche Unterschiede zwischen den einzelnen Bundesländern auf.
Besonders auffallend ist, dass die Zahl der Fachärzte und -ÄrztInnen ohne Kassenvertrag stark ansteigt, was einer De-facto-Kostenverschiebung in den privaten Bereich gleichkommt, da von den Kassen vielfach nur ein geringer Anteil der verrechneten Behandlungskosten rückerstattet wird. So sind diese Fach-WahlärztInnen von 2010-2018 um 41 Prozent angestiegen, während die Kassenvertrags- FachärztInnen im selben Zeitraum um knapp mehr als 5 Prozent zu nahmen, eine Zunahme, die durchaus dem Bevölkerungswachstum in diesem Zeitraum entspricht.


An diesem Punkt soll nun die Frage erlaubt sein, ob die alleinige Verknüpfung von Bevölkerungswachstum mit der Anzahl der Kassenverträge, deren Leistungsangebot in ihrer Grundstruktur Ende der 70 – iger Jahre festgelegt worden ist überhaupt den heutigen Anforderungen entspricht. Es kann durchaus behauptet werden, dass offensichtlich die enorme Steigerung der Fach-WahlärztInnen eine Reaktion ist auf ein qualitatives Manko bei der kassenärztlichen Facharztversorgung ist. Zudem haben sich in den letzten 40 Jahren viele Trends entwickelt, die über die damals festgelegten Richtlinien der Grundversorgung weit hinausgehen. Dies wird deutlich an neuen aber notwendigen fachärztlichen Kompetenzen, wie es am Beispiel der Kinder und Jugendpsychiatrie zu zeigen ist.

Problem sind die Kassenverträge

Ein ganz augenscheinliches Manko besteht aber bei der hausärztlichen Versorgung. Denn dort gelingt es den öffentlichen Krankenversicherungen und den Ärztekammern nachweislich schon seit geraumer Zeit nicht einmal mehr mit der Bevölkerungsentwicklung Schritt zu halten.

Seit 2010 ist ein Rückgang der Versorgungsdichte zu beobachten. In fast allen Bundesländern gibt es weniger praktische Ärzte und ÄrztInnen mit Kassenvertrag als noch vor acht Jahren. Einzig Niederösterreich hat einen leichten Zuwachs zu verzeichnen. Zum Teil sind die Rückgänge dramatisch: Während in Wien die Bevölkerung in den vergangenen acht Jahren um knapp zwölf Prozent gewachsen ist, ist die Zahl der praktischen Ärzte und ÄrztInnen mit Kassenvertrag um zwölf Prozent gesunken. In der Steiermark ist ein Rückgang von elf Prozent zu verzeichnen, im Burgenland ein Rückgang von zehn Prozent.

Ein weiterer besorgniserregender Grund diese Entwicklung liegt auch in der Altersstruktur der tätigen ÄrztInnen in diesem Bereich. Sind doch mehr als die Hälfte aller niedergelassenen ÄrztInnen 55 Jahre oder älter und werden in den nächsten 10-15 Jahren die Stafette übergeben.

Übergeben ? An wen ? Der Nachwuchs wird in Österreichs Spitälern trainiert. Auch dort hat 2016 mit der Umsetzung der europäischen Arbeitszeitrichtlinien ein neues Zeitalter begonnen. Die höchstzulässige Arbeitszeit muss in den kommenden Jahren Schritt für Schritt reduziert werden. Mehr Personal muss eingestellt werden. Personalkosten sind aber der Hauptfaktor bei der Finanzierung der Spitäler. Eine enorme Arbeitsverdichtung findet bereits statt und bedroht die Ausbildungsqualität in den Lehrstätten der JungärztInnen. Dem Kostendruck wird mit Spitalszusammenlegungen zu begegnen versucht. Dies hat aber wiederum beträchtliche Konsequenzen für die flächendeckende Versorgung der Bevölkerung. Die Systeme müssen also neu durchdacht werden.

Der ZVPÖ wird in den nächsten Ausgaben seiner Verbandszeitung in thematischen Schwerpunkten Beiträge veröffentlichen, die die derzeit brennendsten Bereiche der Gesundheitspolitik beleuchten.